Myopieprävention und Myopiemanagement 

Diese Information wurde von verschiedenen anerkannten Augenspezialisten mit unterschiedlichem fachlichen Hintergrund erstellt, um bestmöglich allgemeinverständlich und berufspolitisch neutral über die Problematik der Kurzsichtigkeit bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und über den derzeitigen zusammengefassten Stand der Wissenschaft zu informieren.

Einleitung und Begriffserklärung

Die Kurzsichtigkeit ist laut der Weltgesundheitsorganisation WHO die am meistverbreitete Fehlsichtigkeit und eine der häufigsten Ursachen für Seherkrankungen oder sogar Blindheit im Alter weltweit. Hochrechnungen haben gezeigt, dass bis zum Jahre 2050 mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein werden. Und schon heute sind rund die Hälfte der 20- bis 30-Jährigen in Westeuropa von einer Kurzsichtigkeit betroffen. 

Was ist Kurzsichtigkeit?

Kurzsichtigkeit wird in der Fachsprache Myopie genannt und bezeichnet eine Fehlsichtigkeit des Auges, die sich durch unscharfes Sehen in der Ferne bemerkbar macht. Diese Kurzsichtigkeit kann relativ einfach mit einer Brille oder Kontaktlinsen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen korrigiert werden. Der Grad der Fehlsichtigkeit der Myopie wird in Dioptrien beschrieben. Ist eine Schultafel mehr als zwei Meter entfernt, kann das Kind mit einer Kurzsichtigkeit von -0,50 dpt (1 /-2 m) das vom Lehrer an die Tafel Geschriebene nicht mehr deutlich erkennen. Die Kurzsichtigkeit entsteht meist durch ein zu stark in die Länge gewachsenes Auge. Aufgrund dieser Tatsache wird das gesehene Objekt vor der Netzhaut (Retina) abgebildet. Normalerweise entsteht eine Myopie, also das zu lang gewachsene Auge, zwischen dem 5. und 16. Lebensjahr. Das Auge ist meist im Alter von ca. 25 Jahren ausgewachsen. Je länger das Auge wächst, desto kurzsichtiger (myoper) wird der Mensch. Ein normal gewachsenes Auge ist ungefähr 24 mm lang. Pro 0,25 mm Längenwachstum benötigt der Mensch zum Ausgleich der entstandenen Kurzsichtigkeit eine Dioptrie Korrektur. Ab einer Fehlsichtigkeit von über -5,00 Dioptrien spricht man von einer hohen oder auch krankhaften Myopie.

Myopieprävention, Progrediente Myopie und Myopiekontrolle 

Das Ziel ist es heute, die Kurzsichtigkeit, also das Wachstum des Auges, so lange wie möglich hinauszuzögern (Prävention) und nach der Entstehung das Fortschreiten (Progression) mit geeigneten Therapiemaßnahmen zu bremsen (Kontrolle). Denn je früher ein Kind kurzsichtig wird und je stärker die Kurzsichtigkeit voranschreitet, desto höher kann die Kurzsichtigkeit schlussendlich werden.

Ursachen einer Kurzsichtigkeit 

Die Ursachen für Kurzsichtigkeit und deren Fortschreiten sind vielfältig.

Wir kennen derzeit folgende Ursachen:

- Genetik und Vererbung

- Ungenaue Fixierung beim Lesen

- Exzessive Nahtätigkeiten

- Der Mangel an Tageslicht und die Zeit im Freien

- Unscharfe Abbildung durch Sehhilfen

Daher kann nicht nur ein Grund für das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit verantwortlich gemacht werden, den wir kontrollieren und therapieren können.

Vererbung


Wenn wir uns einmal im Freundes- und Bekanntenkreis umschauen, dann fällt folgendes auf: Sind die Eltern Brillenträger, dann sind es häufig auch ihre Kinder.

Genau diese Beobachtung aus dem Alltag haben auch verschiedene Studien bestätigt. Das Risiko steigt mit jedem Elternteil an und bei zwei kurzsichtigen Elternteilen ist zu rund 50% zu erwarten, dass das gemeinsame Kind auch kurzsichtig wird. Weiter steigt das Risiko für eine Entwicklung von Kurzsichtigkeit, wenn zumindest eines der Elternteile eine hohe Kurzsichtigkeit von über -5.0 dpt aufweist.

Naharbeit und Körperhaltung 

Das Sehen in der Nähe ist unglaublich komplex. Ob lesen, schreiben, spielen auf einem Tablet, Schulunterricht, Erlernen eines Musikinstruments oder Computerspiele, diese Nahtätigkeiten erhöhen die Anforderungen an die Augen. Zu viel davon kann zu Augenbeschwerden führen. Es gibt Kinder, deren Augen dazu neigen, in sehr nahem Abstand nicht richtig zu fokussieren und die Bilder beider Augen nicht optimal im Sehzentrum zusammenführen können. Sie sind allgemein anfälliger für Symptome wie Kopfschmerzen und Augenbrennen. Probleme in der Zusammenarbeit beider Augen können, wenn sie nicht von einem Augenspezialisten erkannt und korrigiert werden, zu einer stetig zunehmenden Kurzsichtigkeit führen. Durch die vermehrte Nutzung von modernen elektronischen Geräten, Smartphones und der höhere Leistungsdruck in Schule und Elternhaus, z. B. mit einem hohen Pensum an Hausaufgaben, sind die Kinder und deren Augen einer Naharbeit ausgesetzt, die nicht selten zu einem verstärkten Wachstum der Augäpfel führt. Schule und Bildung sind wichtig und das Sehen in der Nähe somit unumgänglich. Wir sollten versuchen mit größeren Leseabständen, der richtigen Körperhaltung und mit regelmäßigen Pausen die Augen zu entlasten. Es gilt die Regel, dass Nahobjekte in einem Abstand von ungefähr einer Ellenlänge (Abstand Schulter – Ellenbogen) gehalten werden sollten. Besonders bei sehr intensiven Nahaufgaben und während der Nutzung von Smartphones und Tablets wird dieser Abstand jedoch häufig unterschritten. Eine aufrechte Körperhaltung beim Sitzen erhöht meist schon den Leseabstand deutlich und einfache Winkelunterlagen können dies unterstützen. Regelmäßige Pausen vom Nahsehen und der Blick in die Ferne entspannen die Augenmuskeln zusätzlich. Die einfache 20-20-20 Regel (Sich alle 20 Minuten für 20 Sekunden auf etwas fokussieren, das 20 Fuß (= ca. 7 Meter) entfernt ist, kann hier beachtet werden und unter Umständen Linderung verschaffen.

Mangel an Tageslicht und die Zeit im Freien 

Die meisten Erwachsenen und vor allem Kinder beschäftigen sich heute überwiegend innerhalb der eigenen vier Wände. Das ist deswegen von Bedeutung, da die Entwicklung der Kurzsichtigkeit eng mit einem zu langen Aufenthalt im Haus verbunden ist. Im Gegensatz zu der Möglichkeit im Freien den Blick in die Ferne schweifen zu lassen, stellt sich unser Sehsystem in Räumen auf relativ kurze Entfernungen ein. Des Weiteren haben verschiedene Studien gezeigt, dass gerade das Tageslicht die Entwicklung des Augenwachstums positiv beeinflusst. So kann die Kurzsichtigkeit bei jungen Kindern präventiv verzögert werden, wenn diese täglich mehr als 90 Minuten mit Tageslicht im Freien in Berührung kommen. Die Lichtintensität im Freien bei Sonnenschein und auch im Schatten ist um ein Vielfaches höher als die typische Innenraumbeleuchtung. Studien zeigen, dass Tageslichtmangel eine wichtige Rolle in der Entwicklung und bei der Entstehung einer Kurzsichtigkeit des Auges hat.

Unscharfe Abbildung – der hyperope Defokus

Die Brille ist die derzeit bekannteste Versorgung bei Kurzsichtigkeit von Kindern und Erwachsenen. Forscher haben jedoch herausgefunden, dass normale Einstärkenbrillen das Bild der Umwelt nicht optimal auf der Netzhaut abbilden können. Idealerweise sollte die Abbildung der runden Form der Netzhaut folgen. Leider befindet sich das periphere, also außerhalb der Mitte gelegene Bild jedoch außerhalb dieser Idealabbildung, nämlich hinter der Netzhaut.

Diese unscharfe Abbildung wird in der Fachsprache «Hyperoper Defokus» genannt, da hier wie bei einem weitsichtigen, zu kurzen (=hyperopen) Auge das Bild hinter der Netzhaut abgebildet wird. Forscher konnten in den letzten Jahren belegen, dass dieser Defokus die Entwicklung des Augenwachstums im Kindes- und Jugendalter vorantreibt. Dieser hyperope Defokus wird heutzutage mit neu entwickelten Brillengläsern und speziellen Kontaktlinsen korrigiert, damit der Wachstumsreiz durch den Defokus reduziert werden kann. Dazu bilden diese Brillengläser und speziellen Kontaktlinsen alle Schärfebereiche auf der Netzhaut ab. Das Auge bekommt dadurch keinen Anreiz in der Peripherie zu wachsen und länger zu werden.

Unsere Augen sind einzigartig. Daher kann jede einzelne Therapie ganz unterschiedlich wirken und angenommen werden. Die hier vorgestellten, wissenschaftlich belegten Möglichkeiten zur Versorgung von Kindern, Jugendlichen sowie Erwachsenen mit fortschreitender Kurzsichtigkeit sollten anhand von verschiedenen augenärztlichen / optometrischen Messungen, Risikoeinschätzungen und den Lebensgewohnheiten aufeinander abgestimmt werden. Nicht alle Betroffene sind zum Beispiel für Kontaktlinsen bereit oder sie wünschen sich eine Brille. Weiterhin sind die unterschiedlichen Behandlungsmethoden verschieden effektiv und kostenaufwendig. In einigen Fällen können die verschiedenen Therapiemethoden auch für einen gewissen Zeitraum kombiniert werden, um die Erfolgsaussichten der Myopiekontrolle zu erhöhen. Derzeit kann keine Behandlungsmöglichkeit das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit vollständig kontrollieren, therapieren oder verhindern und ist auch nicht bei jedem Menschen gleichermaßen effektiv.

Wie und ob überhaupt eine Behandlungsmaßnahme ergriffen werden sollte, hängt von einer Einschätzung des Risikos der Myopieentwicklung ab. Wie schon beschrieben, ist die Vererbung der Kurzsichtigkeit ein wichtiger Hinweis. Hat eines der Elternteile eine hohe Kurzsichtigkeit, dann ist das Risiko einer stärkeren Kurzsichtigkeit bei dem Kind erhöht.

Das Alter, in dem das Kind kurzsichtig wird, ist ein weiterer wichtiger Anhaltspunkt zur Erwartung der Kurzsichtigkeit im Erwachsenenalter. Je jünger ein Kind ist, desto länger hat das Auge die Möglichkeit weiterzuwachsen. Zusätzlich ist die Veränderung der Kurzsichtigkeit innerhalb eines Jahres ein wichtiger Faktor. Ist nur eine geringe Erhöhung von unter einer halben Dioptrie messbar, so ist das Risiko einer hohen Kurzsichtigkeit gering. Ist die Kurzsichtigkeit im vergangenen Jahr aber eine halbe Dioptrie oder mehr angestiegen, wird empfohlen mit einer der Behandlungsmethoden zu beginnen. Bei stärkeren Anstiegen von mehr als einer Dioptrie sollte eine Zusammenarbeit zwischen dem Augenoptiker, dem Optometristen, der Orthoptistin und dem Augenarzt ins Auge gefasst werden.

Korrektur mittels Kontaktlinsen oder spezieller Kontaktlinsen

Umfangreiche Studien zeigen, dass spezielle Mehrstärkenlinsen und die Orthokeratologie (umgangssprachlich OrthoK oder Nachtlinsen) eine statistisch signifikante Reduzierung der Myopieprogression bewirken können. Nachtlinsen werden (wie der Name schon vermuten lässt) zur Korrektur der Kurzsichtigkeit über Nacht getragen, formen die Augenvorderfläche vorübergehend sehr schonend und reduzieren durch die Veränderung der Vorderfläche des Auges die Kurzsichtigkeit. Zudem wird durch das besondere optische Design der Linsen der Nachteil des hyperopen Defokus ausgeglichen. Für Kurzsichtige ermöglichen sie ein Leben ohne Sehhilfe tagsüber, was vor allem bei aktiven Kindern von Vorteil ist. Es gibt jedoch Limitierungen aufgrund der Korrekturmöglichkeit der Kurzsichtigkeit bis -9,00 dpt mit OrthoK. Als Alternative zu OrthoK-Linsen funktionieren Mehrstärkenlinsen ähnlich gut. Sie werden tagsüber getragen. Mehrstärkenlinsen gibt es als weiche und formstabile Varianten. Weiche Linsen sind aufgrund ihres Materials kaum zu spüren und weisen dementsprechend eine hohe Spontanverträglichkeit auf. Formstabile Linsen bestechen durch ihre hohe Sauerstoff durchlässigkeit. Kontaktlinsen werden von den Kurzsichtigen bezüglich Tragekomfort und Umgang üblicherweise schnell akzeptiert. Die Wahl der passenden Kontaktlinse hängt von mehreren Faktoren ab. Diese sind neben der Anamnese auch die Anatomie und Physiologie des Auges der Kinder, die Art der Fehlsichtigkeit, die Lebensart und der familiäre Einfluss. Wir werden Sie umfangreich über diese Punkte informieren.

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Referenzen und Quellennachweise: 

WHO-Rapport: https://www.who.int/blindness/causes/ MyopiaReportforWeb.pdf

Stellungnahme der DOG: dog.org/wp-content/uploads/2013/03/ Myopie-BVA-DOG-fi nal-1.pdf 

Weiterführende Informationen zum Thema wurde in den White Paper von 83 interdisziplinären Spezialisten des International Myopia Institut im Februar 2019 veröffentlicht:

https://iovs.arvojournals.org/issues. aspx?issueid=937872

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